“ProWo” in Gießen: Wie Wohnen im Kasernengebäude aussehen kann

Vier Menschen aus dem Heinersyndikat haben sich am 30.6. aufgemacht, ein Wohnprojekt in Gießen zu besuchen, das in vielem dem ähnelt, was wir uns wünschen: „Projekt Wohnen Gießen“ (ProWo) ist ein Mietshäuser Syndikatsprojekt in einem ehemaligen US Army-Wohnblock, der denen in der Darmstädter Lincoln-Siedlung ziemlich ähnlich ist. Seit 2011 leben dort 43 Erwachsene und Kinder auf rund 1800 m2 Wohnfläche und 4000 m2 Grundstück gemeinschaftlich und selbstverwaltet zusammen.

Wir wurdenProwo2 von Andreas, Diana und Kerstin sehr herzlich empfangen, konnten uns ausführlich umschauen und die drei mit Fragen löchern. Schwerpunkt unseres Besuchs waren Finanzfragen, hier aber ein allgemeinerer Einblick in die vielen Infos und Eindrücke:

Nachdem die US-Armee 2007 von dem Areal in Gießen abgezogen war, entstand 2008 die Idee eines Wohnprojekts auf dem Konversionsgelände, die sich 2009/2010 immer mehr konkretisierte (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge): Vereinsgründung, Mietshäuser Syndikats-Beteiligung, Direktkreditwerbung, politische Lobbyarbeit, Verkaufsverhandlungen, Kreditverhandlungen mit Banken und natürlich die kontinuierliche Gruppenfindung…

Die Situation in Gießen war insofern eine andere als in Darmstadt, als eine extra von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft gegründete Genossenschaft das Areal kaufte und die Auflage bekam, drei der ca. 12-16 Blöcke an Wohnprojekte zu verkaufen. In der Nachbarschaft gibt es daher ein weiteres Wohnprojekt und die Mietshäuser der Genossenschaft.

Gekauft wurde das Haus im Herbst 2010, es folgte ca. ein Jahr Umbau: Wohnungszuschnitte wurden verändert, zwei Treppenhäuser angebaut, um neu entstandene Wohnungen zu erschließen, Holzbalkone angehängt, Fußböden erneuert, eine Wohnung zum Gemeinschaftsbereich umgebaut, Elektro- und Telekommunikationsleitungen verlegt… Das Meiste wurde von Baufirmen erledigt. Einige Baustellen gibt es heute noch, z. B. die Dämmung der Kellerdecke und der Ausbau des Tiefkellers zur Kneipe.

Situation jetzt: Es gibt Wohnungen ganz unterschiedlicher Größe, von einer 180 m2-WG (4 Erwachsene, 2, bald drei Kinder) bis zu Einzimmer-Wohnungen von gut 40 m2. Ausgestattet sind sie mit Parkettboden, Tageslichtbädern, Balkons – insgesamt haben wir drei sehr schöne Wohnungen gesehen. Dazu kommt ein Gemeinschaftsraum mit Küchenecke und Badezimmer. Draußen gibt es einen Nutzgarten, eine große Wiese, ein Trampolin, eine Feuertonne… lauter nette Sachen. Das Ganze zu – aus Darmstädter Perspektive – sagenhaften Mieten von 5,40 Euro/m2 kalt, was den relativ günstigen Ausgangsbedingungen, dem allgemein geringeren Gießener Mietniveau und sicherlich auch dem Verhandlungsgeschick der ProWo-BewohnerInnen zu verdanken ist.

Zusammenleben und Selbstverwaltung: Einmal in der Woche ist Plenum, entschieden wird im Konsens. Gibt es beim dritten Mal in einer Sache noch keine Entscheidung, geht auch eine 9/10-Mehrheit. Ist aber noch nicht vorgekommen. Das Engagement der Leute ist unterschiedlich, so wie man das aus jedem Projekt hört. Die Selbstverwaltungs-Strukturen sind immer wieder eine “Baustelle” des Projekts, derzeit etwa die Frage, wie über Neueinzüge entschieden wird.

Die Verwaltung der Direktkredite von Privatpersonen ist bei ihnen kein allzu großer Aufwand, obwohl sie sehr unterschiedliche Kreditkonditionen mit den GeberInnen vereinbart haben (unterschiedliche Zinssätze, Laufzeiten etc.). Ab und zu wird etwas gekündigt oder läuft aus, aber bisher hat sich immer durch Mund-zu-Mund-Propaganda ein Ersatz ergeben.

Das und vieles mehr haben wir bei Kaffee und Applecrumble erfahren – insgesamt war es also ein sehr interessanter und sehr netter Besuch! Hinterher nagte zwar der Neid (zumindest an mir), aber auch die Motivation bekommt einen ordentlichen Schub ;-)